Flyer: Love Football – Hate Nationalism

Um den aktuellen Deutschlandhype aufzugreifen und zu kritisieren, verteilten wir am 17.06. zum letzten Gruppenspiel und am 22.06 zum Viertelfinalspiel der deutschen Fussballnationalmannschaft einen Flyer mit dem Verweis auf den folgenden Text.

Text:

Love Football –  Hate Nationalism

Vom 08.06 zum 01.07 findet einmal mehr die UEFA Fußball-Europameisterschaft der Männer statt,  doch geht es bei dieser EM nicht nur um Fußball. Denn einhergehend mit dem Sport taumelt das nationale „WIR“ durch ein „schwarz-rot-geiles“ Fahnenmeer, dass kaum noch etwas mit 22 Menschen die mit einem Lederball spielen zu tun hat. Die EM biete eine Möglichkeit endlich wieder auf „seine eigene“  Nation stolz zu sein und Nationalismus öffentlich ausleben zu können. Das dies nicht immer viel mit Fussball zu tun hat, zeigt z.B. der Fall des Holger B., der zur WM 2010 in Hannover 2 Fans der italienischen Nationalmanschaft nach einem Streit darüber, ob die deutsche oder die italienische Mannschaft mehr WMs gewann, erschossen hat.
Zur WM 2006 wurde – unter anderem durch die Massenmedien – der „gesunde Nationalismus“ entdeckt. Hierbei dreht es sich nicht darum, dass endlich wieder die deutsche Fussball-Nationalmannschaft unterstützt werden kann – das wurde Jahrzehnte vorher auch schon getan -  sondern darum sich wieder positiv auf die „eigene Nation“ beziehen zu können.
Wo vorher noch bis tief in die bürgerliche Gesellschaft Berührungsängste mit nationaler Identifikation bestanden, konnte endlich wieder befreit „wir sind Deutschland“  gejauchzt und Patriotismus formuliert werden. Lange Zeit war es sehr verpönt sich darauf zu berufen. Der Fußball bietet jetzt aber eine Möglichkeit diesen „gesunden Nationalismus“ auszuleben. Mensch muss sich nämlich nicht mehr dafür schämen „deutsch zu sein“. Da müssen wir uns doch die Frage stellen, was dieser Nationalismus eigentlich ist, den so viele Menschen scheinbar ausleben wollen.
Nationalismus bezieht sich darauf, dass Menschen durch gemeinsame Sprache, Kultur, Sitten, Gebräuche, Volksangehörigkeit oder sonstiges, angeblich eine Gemeinschaft bilden würden, die ach so homogen ist. Diese Einteilung wirkt an sich schon unsinnig, sind die Lebensweisen von Menschen unterschiedlicher Milieus doch schon so verschieden, das mensch hier kaum noch ein verbindenes Element feststellen kann.  Dieser Nationalismus ist jedoch die Legitimation für einen souveränen Nationalstaat. Ein Nationalstaat mit territorialer Macht, der einen Fleck auf der Erde „eint“ und Macht über die Menschen und die Ressourcen ausübt.
Ein Nationalstaat bedeutet aber unmittelbar Ausgrenzung, denn wer nicht zu dieser nationalen Gemeinschaft gezählt wird, braucht von dieser auch nicht gleich behandelt zu werden. Volle Bürgerrechte gibt es nur für jene Menschen, die auch Staatsbürger_innen dieses Gebildes sind und nur diese dürfen mitentscheiden wie diese Nation organisiert wird. Den wer kein Papier vorweisen kann, auf dem die deutsche Staatsangehörigkeit beglaubigt wird, hat auch nicht das Recht zu wählen, gewählt zu werden und eine Arbeitsstelle im höheren Dienst einer Behörde ist auch nicht zu erreichen. Ganz zu schweigen davon, das Arbeits- und Ausbildungsplatze, die nunmal ein Schlüssel für die Teilhabe an der Gesellschaft darstellen, bevorzugt an deutsche vergeben werden. Ein Nationalstaat hat immer seinen eigenen Vorteil im Auge. Es kann daher rücksichtslos agiert werden und Handlungen sind immer gut wenn es um den Vorteil der Nation geht. Ausbeutungen anderer Länder sind daher völlig legitim. Einhergehend ist auch eine Abschottung nach außen, sowohl gegen andere Nationalstaaten als auch gegen Menschen die aus unterschiedlichsten Gründen nach Deutschland gelangen wollen. Bestes Beispiel ist hierbei der Umgang mit den Menschen die außerhalb von der Festung Europa leben und die es versuchen sich ein Leben in Europa aufzubauen, das besser und lebenswerter ist. Sie stoßen gegen einen massiven wirtschaftlichen Rassismus.  
Dieser entsteht dadurch, dass die westlichen Industriestaaten ihren Reichtum beschützen müssen. Nationalstaaten stehen im Kapitalismus immer im ökonomischen Wettstreit gegeneinander und sind für ihr eigenes Wohl davon abhängig, dass ihre nationale Ökonomie so erfolgreich wie möglich ist. Denn die Staaten sind darauf angewiesen Steuereinnahmen aus den Gewinnen der nationalen Ökonomie zu bekommen und möglichst viele Menschen in Arbeit zu haben, damit die Sozialausgaben so gering wie möglich sind.
Um Erfolgreich zu sein sind die Kapitalist_innen dieser nationalen Ökonomie dazu gezwungen gegen andere Kapitalist_innen auf dem (Welt-)Markt zu konkurrieren. Das Ziel dabei ist aus Geld mehr Geld zu machen, dass wiederrum eingesetzt werden muss um Vorteile auf dem Markt gegenüber den anderen Kapitalisten_innen  zu erlangen. Es ist also ein Ziel von Nationalstaaten den nationalen Akteuren zu helfen mehr Kapital anhäufen zu können, damit sie im Vorteil im kapitalistischen Wettstreit sind und somit Geld und Arbeitsplätze für das „nationale Wohl“ generieren.  Gewaltige Mengen an Kapital  konzentrieren sich in wenigen Händen und somit in wenigen Ländern, was für große Teile der Bevölkerung schwächerer Nationalökonomien Elend und Hunger bedeutet.
Doch stehen „Wir“ nicht als Gewinner dieses multinationalen Spiel des Lebens dar. Denn dieses „WIR“ zerfasert sich beim näheren hinschauen in eine höchst heterogene Ansammlung von Menschen, die nichts miteinander verbindet als der ökonomische Zwang. Und da die Menschen eben in verschiedenen Lebenslagen sind, weichen ihre Ziele und Forderungen voneinander ab. So sind die Kapitalist_innen um am Markt zu bestehen dazu gezwungen, ihre Produktionskosten so gering wie möglich zu halten. Dieses gelingt ihnen aber nur, wenn die Löhne der Menschen die für sie Arbeiten nicht zu sehr steigen oder nach Möglichkeit sogar fallen. So sind Entwicklungen wie das senken der Lohnnebenkosten für Arbeitegeber, schlechte Tarifabschlüsse oder ein Niedriglohnsektor im Millionenbereich eben nicht im Interesse von „UNS“. Auf der einen  Seite werden Menschen ausgebeutet und auf der anderen Seite profitieren Menschen von dieser Ausbeutung.
Das macht das nationalistische Fundament für kapitalistische Staaten so notwendig. Denn um eine Abschottung und Ausbeutung von anderen Nationen und die unterschiedlichen Lebensverhältnisse von Deutschen, Griechen und Somalian  zu rechtfertigen, braucht Mensch eine Ideologie des „WIR für UNS“.  Es rechtfertigt uns das Deutschland – obwohl gestärkt aus der Krise hervorgegangen – die „faulen Pleitegriechen“ nur zu unterstützen braucht solange es dem eigenen Vorteil dient. Es schweißt die Menschen einer nationalen Ökonomie als Schicksalsgemeinschaft zusammen, obwohl sie aus verschiedenen ökonomischen und sozialen Lagen kommend auch fundamental unterschiedliche Interessen haben. Und es ist die Grundbedingung dafür, dass kapitalistisches Wirtschaften in einem bürgerlichen Staat für die Kapitalist_innen auch erfolgreich ist.
Damit Menschen diese nationale Identität für sich annehmen, braucht es identitätsstiftende Ereignisse. Eben wie eine Fußballeuropameisterschaft bei der es leider nicht nur um Fußball geht. 

Fußball hat nichts mit nationalem Taumel zu tun!
Gegen jede Form von Nationalismus und Patriotismus!
Gegen kapitalistische Ausbeutung – für ein Leben ohne Grenzen!

AK Libertad