Selbstbestimmung statt religiöser Wahn!


Mit dem Verteilen dies im Anschluss dokumentierten Flugblattes protestierten wir am Sonntag, 8. Januar, gegen den Auftritt des Lebensschützers, christlichen Fundamentalisten, Antidemokraten und falschen Prinzen Philip Kiril Prinz von Preußen im Go-Special-Gottesdienst der Kirchengemeinde Löhne Gohfeld.

Presse:
Neue Westfälische

Westfalenblatt

Flyer:

Den ultimativen Abendgottesdienst verspricht die Evangelische Kirchengemeinde Löhne-Gohfeld ihren Jünger_inen an jedem 2. Sonntag im Monat. Am Sonntag, 8. Januar, löst sie ab 19 Uhr dieses Versprechen eindrucksvoll ein. Angekündigt ist Prinz Kiril von Preußen, Ururenkel von Wilhelm II, prominenter Vertreter eines neuen christlichen Fundamentalismus, Lebensschützer und selbst erklärter Feind der parlamentarischen Demokratie. Neben seiner Tätigkeit als Prediger ist er damit beschäftigt, seinen Kritikern SA-Methoden zu unterstellen. Wie alle fundamentalistischen Christen glaubt er Recht und Wahrheit auf seiner Seite. Dabei ist von Wahrheit keine Spur, schon sein Name ist eine Lüge. Der lautet nicht Prinz Kiril von Preußen, was unterstellen würde, er führe tatsächlich den Titel Prinz. Richtig lautet sein Name Philip Kiril Prinz von Preußen. Das Wort Prinz bezeichnet keine soziale Stellung, sondern ist schlicht und einfach ein Namenszusatz.
Egal welches Medium über ihn schreibt oder ihn interviewt, überall wird dem Herren Prinz von Preußen der Titel Prinz und damit eine Legitimität angedichtet, die er nicht hat. Seine pointierten Meinungen machen ihn zum begehrten Interviewpartner neurechter Publikationen wie der „Jungen Freiheit“. Auch dem deutschsprachigen, anonymen Onlinemagazin „kreuz.net“ mit rechtsextremen, antisemitischen und homosexuellenfeindlichen Inhalten sowie religions- und kirchenbezogenen Texten, ist der Prinz mit der ganz rechten Meinung einen Artikel wert. Das Portal nennt sich im Untertitel „katholische Nachrichten“, ist allerdings kein Angebot der römisch-katholischen Kirche. Zu den seriöseren Medien, die dem so genannten Prinzen Raum bieten, gehört neben der Welt, seit Neuestem auch die Neue Westfälische. Redakteur Dirk Windmöller tut als liege der deutsche Adel, nach dem verlorenen 1. Weltkrieg, Novemberrevolution und Ausrufung der Republik nicht seit fast 100 Jahren auf dem Gescheitertenhaufen der Geschichte. Ungeniert lässt er den Prediger aus der Provinz erklären, dass die „Monarchie die bessere Wahl“ (als die Demokratie) sei. Kein Kommentar rückt diese verfassungsfeindliche Forderung ins rechtsextreme Licht.
Dass der so genannte Prinz, als C-Promi, nicht nur wegen dieses Status von der Kirchengemeinde eingeladen wurde, erklärt Andreas Ehlebracht vom Organisationsteam der Gottesdienstreihe, der den so genannten Prinzen im September beim Marsch für das Leben in Berlin kennengelernt habe, wo er (Kiril), die Abschlusspredigt gehalten habe.“ Ehlebracht gibt sich rhetorisch und inhaltlich überzeugt. Da ist es doch an der Zeit, sich einmal, die Ziele und Motive der Lebensschützer_innen einmal gründlicher anzuschauen.

Mit ihren Schweigemärschen unter der Überschrift „Marsch für das Leben“ fordern die Lebensschützer_innen des Bundesverband Lebensrecht ein generelles Verbot von Abtreibungen. Die Gruppen und Organisationen, die sich am „Schweigemarsch“ beteiligen, betrachten jeden Schwangerschaftsabbruch als „vorgeburtliche Kindstötung“, die verboten und bestraft gehöre. Sie sprechen damit allen Menschen und vor allem Frauen das Recht ab, über ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen. Um diese Meinung in der Öffentlichkeit zu verankern, verbreiten die selbst ernannten Lebensschützer_innen Unwahrheiten: Sie behaupten eine dreimal höhere Anzahl von Abtreibungen in der BRD und warnen vor dem „Post-Abortion-Syndrome“, einer angeblich durch Schwangerschaftsabbrüche ausgelösten psychischen Störung. Anders als oft angenommen, gilt eine Abtreibung in der BRD weiterhin als Straftat, die nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafrechtlich verfolgt wird. Wer abtreiben will, muss sich zwangsweise beraten lassen und danach drei Tage warten, bevor der Eingriff vorgenommen wird. Das alles muss in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft geschehen – es sei denn, es wird eine „Gefahr für die psychische und physische Gesundheit“ der Frau festgestellt. Oft sind aber „Schädigungen“ des Fötus, die in vorgeburtlichen Untersuchungen festgestellt werden, der eigentliche Grund für einen Abbruch nach der zwölften Woche. Frauen werden immer mehr für die Gesundheit und „Qualität“ ihres Nachwuchses zur Verantwortung gezogen und zu solchen Untersuchungen gedrängt. Dass sie ein Recht auf Nichtwissen haben, wird meist nicht erwähnt.

Die selbst ernannten „Lebensschützer_innen“ sind Teil des christlichen Fundamentalismus. Sie kämpfen für eine Gesellschaft, die auf der Kleinfamilie, einer rigiden Sexualmoral, Verbot von Homosexualität und auf Schicksals- und Obrigkeitsergebenheit beruht. Sie behaupten, sie agierten gewaltfrei, dennoch blockieren Abtreibungsgegner_innen Kliniken und bedrohen, nötigen und verletzen dabei sowohl Ärzt_innen als auch Frauen, die abtreiben wollen. Der Kampf gegen das Recht auf Selbstbestimmung der Frau ist für einer der Schlachtfelder in einem regelrechten geistigen Krieg gegen die moderne Gesellschaft. Frauen, die Abtreibungskliniken aufsuchen werden teilweise durch sogenannte „Gehsteigberatung“ eingeschüchtert und bedrängt; Ärzt_innen als „Massentöter“diffamiert. Gruppen und Personen, die sich für ein liberales Abtreibungsrecht einsetzen, werden beschimpft und bedroht. Für die Kritiker_innen der rückwärtsgewandten Ideologe hat der rechte Prinz da einen ganz speziellen Vergleich parat: „Mich erinnert das an die Anfänge des Nationalsozialismus, mit den prügelnden SA-Horden,“ wird er in der Online-Ausgabe der Jungen Freiheit zitiert. Offensichtlich kennt er die SA-Methoden ganz genau. Während er seinen Gegner_innen Nazi-Methoden unterstellt, greift er selbst tief in die völkische Kiste mit der Blut- und-Boden-Rhetorik. Die „Abtreibungsärzte sind (für ihn) Mörder und die Totengräber unseres schrumpfenden Volkes.“ Das Volk ohne Raum von einst, droht im Raum ohne Volk zu verschwinden, der so genannte Prinz zum König in spe ohne Volk zu werden.

Die Fundamentalist_innen aller Religonen sind die extremste Form der in vielen Formen zu beobachtenden Rückkehr des Glaubens, ob sie nun in Kirchen, Moscheen oder obskuren esoterischen Zirkeln stattfindet. Die spirituellen Zusammenrottungen bieten Halt und Wärme in einer unberechenbaren und feindlichen Welt und damit falsche, reaktionäre Antworten auf die systemischen Zwänge des Kapitalismus. Die empfundene Entfremdung ist real. Doch gegen ihre gesellschaftlichen Ursachen hilft keine Offenbarung, sondern nur der sinnliche und praktische Kampf um Emanzipation im Diesseits. Sonderbar, dass sich ihr Gott ausgerechnet um nationales Wohlergehen oder den rechtlichen Rahmen eines medizinischen Eingriffs kümmert. Ganz offensichtlich dient die Heiligkeit einem aggressiven irdischen Sendungsbewusstsein. Die neuen Religiösen geben sich als Rebellen in einer oberflächlichen, materialistischen Welt. Jeder konkrete Streit wird zum exemplarischen Konflikt von Gut gegen Böse. Dabei gibt es in den gläubigen Köpfen keinen Unterschied zwischen politischer und religiöser Einstellung. Aus dieser Verknüpfung gewinnen die Religionen ihre aktuelle Stärke. Politik verlangt bedingungslosen Opportunismus. Sie reduziert sich zusehends auf das Verwalten gegebener Sachzwänge einer von Konkurrenz und Ohnmacht durchdrungenen Welt. Anders scheint es beim Glauben. Diesem wird ein Geschick für alles Zwischenmenschliche zugetraut. Er stiftet Zuversicht, weil er die Menschen mit ewig verbürgten Wertmaßstäben ausstattet. Für viele Menschen ist Religion etwas Individuelles, dass die Gegenwart erträglich macht, andere verspüren eine Mission wie die Vernichtung Israels, das Retten bewusstseinsloser Zellmasse oder die Notwendigkeit von Kreuzzügen gegen die muslimische Welt. Politischer Fanatismus und kindische Gottesfurcht bedingen einander, und am Ende siegt immer das Irrationale.
Den christlichen Lebensrechtler_innen geht es ebenfalls um Politik. Gegen den Verlust konservativer Werte fordern sie ein gottgegebenes Recht. Anders als in der Familienpolitik geht es ihnen nicht bloß ums Rentensystem und die Produktion frischer Arbeitskräfte für die Nationalökonomie. Der demographische Wandel ist ihnen nur eine schlimme Folge von Gleichberechtigung und Liberalismus, dem eigentlichen Problem. Der Mensch sei schließlich ein Werkzeug Gottes, sein eigener Körper gehöre ihm nicht.

Widerstand gegen „Lebensschützer_innen“ ist notwendig, um ihren politischen Spielraum zu beschneiden. Doch die bizarren Fundamentalist_inen sind Symptom einer bizarren Normalität. Zu kritisieren und zu bekämpfen sind die Verhältnisse, welche die Sehnsucht nach einer überirdisch verbürgten Ordnung hervorbringen. Vom Versprechen der Aufklärung bleibt heute nur noch das illusionslose Anerkennen der nackten Zwänge kapitalistischer Verwertung und staatlicher Zurichtung, also genau dessen, wovor die Gläubigen Schutz suchen. Glück stellt sich unter den aktuellen Bedingungen von Freiheit und Gleichheit nicht ein. Die endlosen Konflikte des irdischen Jammertals müssen als Ausdruck von Widersprüchen kenntlich gemacht werden, die in der Struktur des globalisierten Kapitalismus angelegt sind, der die Existenz von Markt und Staat – und damit von Konkurrenz, Ausschluss und dumpfem Kollektivismus – als unabänderlich betrachtet. Jeder Hinweis, dass die von Menschen gemachten Herrschaftsverhältnisse auch von den Menschen überwunden werden können, wird wie Blasphemie denunziert, als „Extremismus“ von Heilsverächter_innen. Eine Gesellschaft ohne diese menschengemachten Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnisse nennen wir Kommunismus.
Bis wir dieses Ziel erreichen, fordern wir im Hier und Jetzt eine Gesellschaft, in der weder christliche Moralvorstellungen noch staatliche Zugriffe über das Leben und den Körper von Menschen bestimmen. Frauen sollen auf Grund einer Abtreibung weder gesundheitliche noch rechtliche oder ökonomische Nachteile in Kauf nehmen müssen. Die Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft soll ohne Eingriff oder Belehrungen des Staates und ohne Angst vor moralischer Verurteilung möglich sein. Wir wollen eine Gesellschaft, in der eine Behinderung kein Problem oder Defizit darstellt. Keine Frau soll sich „verpflichtet” fühlen, abzutreiben, weil eine Behinderung des späteren Kindes wahrscheinlich erscheint.

Wir fordern:
Streichung des Paragraphen §218 aus dem Strafgesetzbuch
Entscheidungsfreiheit für oder gegen eine Abtreibung ohne Bevormundung
Selbstbestimmung statt religiösem Wahn
Die Verwirklichung des Rechts auf freie Familienplanung und Sexualität für alle, ohne dabei die Freiheiten anderer einzuschränken.